Werbung – das unbekannte Wesen
Manchmal frage ich mich, ob Werbung überhaupt noch ein Thema ist, über das man allgemeingültig sprechen kann. Ist die wichtigste Werbung heute nicht vielmehr die Mitarbeitergewinnung? Während ich darüber nachdachte, erinnerte ich mich daran, wie oft ich in meinem Unternehmerleben Geld für vermeintlich geniale Werbeideen ausgegeben habe. Flyer, Kinospots, Citylights und Plakate: Vieles wurde ausprobiert, alles wurde bezahlt, und oft blieb am Ende nur ein teures Strohfeuer. Trotzdem erleben klassische Methoden teilweise eine überraschende Renaissance. Wir leben in einer Zeit, in der Menschen sich bewusst kleine Freuden gönnen. Hier kommt der Trend „Whimsy“ ins Spiel (siehe newClips 03-26). Wer Whimsy lebt, pflückt Blumen, genießt besondere Momente und teilt spontane Freude. Genau darin liegt eine Chance für modernes Marketing.
Whimsy und die neue Generation
Whimsy spricht insbesondere die sogenannten Syllennials an, eine Generation zwischen Millennials und Gen Z. Sie suchen keine düsteren Zukunftsszenarien, sondern leichte, verspielte und positive Erlebnisse. Für Friseure eröffnet sich dadurch eine interessante Möglichkeit. Kunden möchten häufig nicht nur einen Haarschnitt, sondern ein Erlebnis genießen: ein Glas Prosecco, eine besondere Pflegebehandlung oder ein kreatives Styling. Solche kleinen Luxusmomente machen aus einem Termin etwas Besonderes. Werbung kann hier als Einladung zu einem Erlebnis verstanden werden, das Freude macht und in Erinnerung bleibt. Um verschiedene Perspektiven auf das Thema Werbung kennenzulernen, wurden Experten und Branchenkollegen nach ihren Erfahrungen befragt.
Ludwig Janz: Der Blick des Werbeprofis

Ludwig Janz ist Konzeptioner, Texter, Consultant, Analyst, Planer, Stratege, Designer, Typograf und Netzwerker. Nach Ausbildungen als Schriftsetzer/Drucker sowie einem Diplom im Bereich Kommunikationsdesign und Werbung sammelte er Erfahrungen in verschiedenen Agenturen und als Hochschuldozent. Heute arbeitet er als Strategieberater und Creative Director.
Wann lohnt sich eine Agentur?
Nach Ansicht von Janz gibt es keine feste Umsatzgrenze, ab der eine Agentur sinnvoll wird. Vielmehr hängt dies vom Leistungsumfang und den individuellen Möglichkeiten des Unternehmens ab.

Welche Kosten entstehen?
Honorarsätze bewegen sich je nach Qualifikation und Erfahrung meist zwischen 100 und 500 Euro pro Stunde. Günstigere Angebote von Freelancern oder Mediengestaltern ohne umfassende Erfahrung sind zwar bereits ab etwa 60 Euro pro Stunde erhältlich, werden für konzeptionelle Arbeiten jedoch nicht empfohlen.
Welche Maßnahmen funktionieren am besten?
Als besonders erfolgreich und vor allem messbar bezeichnet Janz:
- Google Ads
- Google Business Profile und Bewertungen
- Online-Terminbuchungssysteme
- Empfehlungsmarketing mit kleinen Anreizen
Klassische Werbemittel wie Flyer, Plakate oder Anzeigen sind dagegen deutlich schwieriger messbar.
Instagram und TikTok
Instagram betrachtet Janz vor allem als Vertrauenskanal. Neukunden entdecken einen Salon meist über Google oder Empfehlungen und prüfen anschließend dessen Auftritt auf Instagram.
Erfolgreich sind insbesondere:
- Vorher-Nachher-Bilder
- authentische Einblicke ins Team
- Reels
- eine konsistente Bildsprache
TikTok bietet zwar enormes Reichweitenpotenzial, verlangt aber einen hohen Aufwand und echtes Verständnis für die Plattform. Wer die Plattform lediglich halbherzig nutzt, investiere Zeit ohne nachhaltigen Nutzen.
Funktioniert klassische Werbung noch?
Ein gepflegtes Schaufenster und ein attraktiver Außenauftritt sind weiterhin sehr wirkungsvoll, da sie täglich sichtbar sind und keine laufenden Schaltkosten verursachen. Gutscheine und Geschenkkarten funktionieren ebenfalls gut, da sie einen unmittelbaren Gegenwert bieten. Anzeigenblätter können in kleineren Orten für Zielgruppen ab 55 Jahren sinnvoll sein. Flyer und Massenwerbung hingegen erzielen oft nur minimale Rücklaufquoten.
Die Bedeutung von Bewertungen
Online-Bewertungen gehören laut Janz zu den am meisten unterschätzten Marketinginstrumenten.
Ein Salon mit 140 Bewertungen wird oft deutlich positiver wahrgenommen als einer mit nur 20 Bewertungen, selbst wenn die Qualität vergleichbar ist.
Empfehlenswert sind:
- QR-Codes am Empfang
- SMS-Nachfassaktionen
- ein professioneller Umgang mit negativen Bewertungen
Paid Ads oder organisches Wachstum?
Organisches Wachstum über Suchmaschinenoptimierung, Bewertungen und Social Media benötige meist 12 bis 18 Monate, ist dafür aber nachhaltig. Google Ads liefern dagegen sofort Sichtbarkeit und sind besonders für Neueröffnungen oder spezielle Kampagnen geeignet. Die Empfehlung lautet, zunächst stärker auf bezahlte Werbung zu setzen und später schrittweise auf organische Reichweite umzustellen.
Häufige Fehler
Zu den häufigsten Marketingfehlern zählen:
- unregelmäßiges Posten
- fehlendes Tracking
- vernachlässigte Google-Business-Profile
- schlechte oder inhaltsarme Websites
- fehlende Online-Terminbuchung
- versteckte Preisangaben
- halbherzige Eigenlösungen
Stammkunden sind wertvoller als Neukunden
Ein Stammkunde, der alle vier bis sechs Wochen wiederkommt, ist langfristig deutlich wertvoller als viele Einmalkunden. Empfehlungen weisen die höchste Abschlussquote auf und verursachen kaum Kosten.
Empfehlungen für Neueröffnungen
Nicht investieren sollte man laut Janz in:
- Zeitungsanzeigen
- Massenflyer
- Groupon-Aktionen
- eigene Salon-Apps
Wichtiger sind ein professionell eingerichtetes Google-Business-Profil, aktive Bewertungsgewinnung und eine hochwertige Website.
Social-Media-Aufwand
Für einen professionellen Auftritt müssen laut Janz etwa 15 bis 20 Stunden pro Monat eingeplant werden. Externe Betreuung beginnt meist bei rund 600 Euro monatlich. Professionelle Content-Erstellung liegt häufig zwischen 800 und 1.500 Euro pro Monat.
Was funktioniert und was nicht?
Besonders positiv bewertet werden:
- Geschenkkarten und Gutscheine
- Empfehlungskarten für Stammkunden
- lokale Kooperationen
Weniger erfolgversprechend sind:
- allgemeine Zeitungsanzeigen
- Massenflyer
- Rabattplattformen
- Plakate ohne klare Botschaft
Fazit
Sein Fazit lautet: Wenige Maßnahmen konsequent umzusetzen bringt mehr Erfolg als viele halbherzige Aktivitäten. Die Kombination aus Google, Bewertungen, einer guten Website, Instagram und Empfehlungsmarketing ist für die meisten Salons am wirksamsten.
Ludwig Janz:
Konzeptioner, Texter, Consultant, Analyst, Planer, Stratege, Designer, Typograf und Netzwerker. Zwei abgeschlossene Ausbildungen: Schriftsetzer/Drucker und Diplom an der Hochschule im Bereich Kommunikationsdesign/Werbung. Feinschliff in unterschiedlichen Werbeagenturen und als Dozent an der Hochschule – mit Vorlesungen zu den Themen Konzeption, Gestaltung und Typografie. Heute: Strategieberater Communication und Creative Director in Eigenverantwortung. Er berät u.a. auch Education for Life Mondial und den Golfclub Play for Life e.V.
www.ludwigjanz.de
ERFAHRUNGEN AUS DER PRAXIS
Gabi Stern über Tops & Flops
Die Spiegel-Schaufenster-Idee
Eine besonders erfolgreiche Aktion entstand beim Umzug in neue Geschäftsräume. Im Schaufenster wurden große Spiegel angebracht, versehen mit dem Satz: „Denken Sie nicht auch, dass es mal wieder an der Zeit wäre?“ Die Wirkung war enorm. Viele Passanten blieben stehen, schmunzelten und betraten den Salon. Innerhalb kurzer Zeit wurde das Geschäft im gesamten Ort bekannt.
Empfehlungsaktion für neue Mitarbeiterin
Um eine neue Kollegin schnell bekannt zu machen, wurde eine Empfehlungsaktion gestartet. Neukunden erhielten beim ersten Besuch 50 Prozent Rabatt. Wer die Empfehlung ausgesprochen hatte, bekam beim nächsten Termin eine zusätzliche Serviceleistung. Das Ergebnis war beeindruckend, da ein Großteil der Neukunden dauerhaft blieb.
Der größte Flop
Weniger erfolgreich waren Dienstleistungs- und Produktpakete, die aufwendig vorbereitet und per Facebook beworben wurden. Trotz guter Schulung und attraktiver Preisgestaltung blieb die Resonanz aus. Nach zwei Monaten wurde die Aktion eingestellt.
Josef Wieser:

Authentizität statt Werbedruck
Josef Wieser berichtet, dass die erfolgreichsten Maßnahmen stets aus dem Salonalltag entstanden sind: persönliche Beiträge, kurze Videos und humorvolle Einblicke in die tägliche Arbeit.
Auch saisonale Gutscheine zu Muttertag oder Weihnachten erzielten regelmäßig gute Ergebnisse.
Ein wichtiger Erfolgsfaktor war darüber hinaus der langfristige Aufbau der Marke „Haarstudio Wieser“ in der Region.
Ergänzend wurde die Marke „Bavarian Beauty“ rechtlich geschützt.
Der größte Flop war eine klassische Zeitungsanzeige.
Obwohl sie professionell gestaltet war, blieb die Wirkung gering. Aus seiner Sicht möchten Menschen heute die Personen hinter einem Unternehmen kennenlernen. Sein Fazit: Authentisch sein bringt mehr als jede große Werbekampagne.
Die andere Seite des Tisches: Die OMR als Inspirationsquelle
Der OMR-Podcast zählt zu den reichweitenstärksten Business-Formaten Deutschlands. Das OMR-Festival in Hamburg gehört zu den größten Digital- und Marketingevents Europas und zieht zehntausende Besucher an.
Frederic Jencquel:

Chancen und Grenzen
Frederic Jencquel sieht das Festival als interessante Plattform für Friseurunternehmen, die ihre Marke strategisch entwickeln möchten und sich intensiv mit Marketing beschäftigen.
Besonders Masterclasses können wertvolle Impulse liefern.
Allerdings sei das Event mit etwa 500 Euro pro Person kostspielig. Wer ausschließlich Marketingwissen suche, finde heute zahlreiche kostenfreie Alternativen über Webinare, Online-Guides oder YouTube.
Chresten Dagné:

Inspiration reicht nicht
Auch Chresten Dagné weist darauf hin, dass Inspiration allein nicht genügt. Die Inhalte der OMR sind wertvoll, setzen jedoch Zeit, Vorwissen und Umsetzungsfähigkeit voraus. Wer konkrete Lösungen für akute Probleme sucht, findet möglicherweise passendere Formate. Seiner Meinung nach profitieren vor allem jene Teilnehmer, die einen breiten Überblick über aktuelle Entwicklungen gewinnen oder ihr bestehendes Wissen vertiefen möchten.
Das Fazit von Sigrid Haspel

Sigrid Haspel kennt die Friseurbranche aus betriebswirtschaftlicher und marketingbezogener Beratungsperspektive Ihre Einschätzung fällt eindeutig aus: Print allein genügt heute nicht mehr. Für die Neukundengewinnung seien Instagram und Facebook unverzichtbar, bei jüngeren Zielgruppen ergänzt durch TikTok, insbesondere für die Azubi-Gewinnung. Entscheidend sei jedoch nicht die bloße Existenz eines Accounts, sondern dessen aktive und professionelle Nutzung.
Ebenso wichtig seien:
- ein aktuelles Google-Business-Profil
- eine moderne Salon-Website
- ein gepflegter Außenauftritt
- regelmäßige Kommunikation mit bestehenden Kunden
Auch die Ansprache ausgebliebener Kunden per E-Mail könne erfolgreich sein, sofern Datenschutz und Tonalität berücksichtigt werden. Für Weiterbildung empfiehlt sie Seminare, regionale Angebote, Volkshochschulkurse und Online-Tutorials.
Beim Budget orientiert sie sich an folgenden Richtwerten:
- 2 bis 4 Prozent des Umsatzes für Werbung
- etwa 2 Prozent für Weiterbildung
Zusätzliche Investitionen können bei Neueröffnungen, Umbauten oder Jubiläen sinnvoll sein. Entscheidend sei jedoch, den Erfolg aller Maßnahmen regelmäßig zu überprüfen, beispielsweise durch Kundenbefragungen oder Nachfragen bei Neukunden.
SCHLUSSGEDANKE
Die Gespräche mit Experten und Praktikern zeigen ein klares Bild: Erfolgreiche Werbung im Friseurgeschäft besteht heute weniger aus großen und teuren Kampagnen als aus Authentizität, Sichtbarkeit und konsequenter Kundenbindung.
Google, Bewertungen, eine professionelle Website, Social Media und Empfehlungsmarketing bilden die Basis.
Klassische Werbung kann weiterhin funktionieren, sollte jedoch gezielt und strategisch eingesetzt werden.
Letztlich gewinnen diejenigen Salons, die echte Erlebnisse schaffen, Vertrauen aufbauen und langfristige Kundenbeziehungen pflegen.
Kontakt-Info
Jens Dagné
Journalist • Storyteller • Networker
Gerhart Hauptmann Str. 64
67549 Worms – Germany
E-Mail: info@presse-dagne.de
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